Auf den Schwingen des Simurgh


Willkommen, lieber Leser!

      Mein Name ist Shemyaza, und es wird mir eine Ehre sein, dir meine Welt etwas näher zu bringen. Zunächst möchte ich mich selbst vorstellen. Mein Name ist von den Hebräern so gewählt worden und er ist natürlich nicht mein richtiger Name. Ich habe mich entschlossen, Shemyaza zu verwenden, weil er am ehesten bekannt sein dürfte. Ich bin nach der Lesart der apokryphen Texte des Henoch der Anführer der gefallenen Engel, die den Menschen verschiedene Kulturgüter und zivilisatorische Grundlagen vermittelt haben. Das war der damaligen Priesterkaste des hebräischen Volkes ein Dorn im Auge - immerhin ist ja auch heute durchaus bekannt, das ein unwissendes Volk am besten zu regieren ist. Nun ja, uns hat das in der westlichen Welt, wie sie heute ist, nicht gerade zu Ruhm verholfen. Doch dazu später mehr.

     Ich selbst bin nun doch nicht für die Ewigkeit bestraft worden. Wie vielleicht der eine oder andere Leser weis, wurden wir laut den Buch Henoch für unsere verwerflichen Taten auf Ewig verdammt und bestraft. Manchmal wird eben nur die halbe Wahrheit erzählt und das fortgelassen, was unbequem ist. Wie du siehst, bin ich quickfidel und alles andere als angekettet. Der Autor dieser Website hat mich darum gebeten, das ich mich hier vorstelle. Etwas schwierig, da einen guten Anfang zu finden. Es macht wenig Sinn, darüber zu sinnieren, wer oder was ich bin. Dazu wurden und werden eine Menge Meinungen vertreten. Die einen verehren mich unter dem Namen Engel Pfau oder andere versuchen mich als gefallenen Engel zu sehen: Mit den heute üblichen Engelsflügeln und dem christlichen Kitsch, der damit in Verbindung gebracht wird. Wusstest du, das das Bild der Engel, wie es heute bekannt ist, von den Etruskern maßgeblich beeinflusst ist? Wenn du in deren Gruften nachsiehst, wirst du eine Menge Engel vorfinden - und die Etrusker waren garantiert keine Christen. Sie haben das heute im Christentum bekannte Bild des Menschen mit Engelsschwingen mit geprägt und auch die Etrusker hatten eine frühere Quelle für eine solche Verbindung zwischen Vogel und Mensch: Wir Wächter haben da nämlich ein Charakteristikum: Wir tragen Federumhänge. Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist auch, das der Federumhang mit Geier-, Adler oder Eulenfedern ein Statussymbol darstellt. Es gibt noch weitere, aber ich möchte nicht alles gleich in der Vorstellung anbringen. Ansonsten hatten wir in der Zeit als die Wächterkultur lebendig war rein körperlich einen eher hageren, hochgewachsenen Typus. Obwohl es auch einige massigere Zeitgenossen gegeben hat, aber der Zahn der Zeit hat auch deren Spuren völlig getilgt.

     Woran du uns sofort erkennst, wenn du dafür empfänglich bist, ist unsere Ausstrahlung. Ich kann dir das nicht richtig beschreiben, aber engelgleich trifft es ganz gut. Wir sind nicht an die Körperlichkeit gebunden - wie es auch die Menschen nicht sind. Allerdings ist es uns schon sehr viel länger bewußt. Unser Bewusstsein besitzt eine Kontinuität wie sie bei Menschen so nicht vorkommt: Es macht für uns keinen Unterschied, ob wir nun ein körperliches Kleid anlegen oder nicht. Der Unterschied liegt einzig in der Wahrnehmung des Alls. Daher ist es nicht gerade einfach, mein Aussehen adäquat zu beschreiben. Hier ist ein Bildchen, das ungefähr dem Nahe kommt, wie wir aussehen, wenn uns ein Mensch wahrnimmt und wir sehr komprimiert sind - für unsere Kommunikation mit Menschen ist es oft besser, eine Art zusammengefaltete Gestalt zu besitzen, auch feinstofflich betrachtet. Ich bin kein höheres Wesen, wie es gern in esoterischen oder mystischen Kreisen behauptet wird. Menschen tendieren dazu, alles in Hierarchien zu betrachten, auch Dinge und Zusammenhänge, die sie nicht begreifen können. Wir sind nur anders und sehr viel älter. Wie eine meiner wahren Formen aussieht, kannst du sehr gut am Titelbild erkennen. Zu dem Bild muss ich dir erklären, das die Größe und das Aussehen durchaus richtig gewählt wurden. Bevor wir in sehr ferne Regionen entschwinden oder Dimensionen wechseln, entfalten wir uns vollständig zu unserer echten Gestalt. Ich werde dir dazu an geeigneter Stelle mehr berichten.

     Damit du dir nun aber vorstellen kannst, in welchem Rahmen ich dir die Geschichten erzähle, beschreibe ich dir eine kleine Szene, in der wir beide uns befinden, während du meine Worte liest und in deinem Inneren eine Stimme dir diese Worte vorträgt (meine Stimme): Stelle dir also einen schönen Sandstrand vor, der Sand selbst ist sehr dunkel, fast schwarz. Die Küste ist sanft ansteigend und in der Ferne ruht eine Felsstufe, die sich über den ganzen südlichen Horizont erstreckt. In der Ferne stehen leuchtend grüne Bäume. Es ist ein lauer spätnachmittag im Sommer und die Sonne steht über der Felslandschaft. Der Himmel ist jedoch nicht blau, wie du ihn gewohnt bist, sondern in ein tiefes dunkelblau getaucht und du kannst trotzdem die Sonne scheint, den Sternenhimmel sehen: dir unbekannte Sternbilder, die in vielen Tausend Jahren unter folgenden Namen bekannt sein werden - Das Kreuz des Südens, Phönix, Eridanus, zwei Nebel: die große und die kleine Magellansche Wolke und eine Menge weiterer namenloser Sterne. Ein paar rötlich angeleuchtete Wolken sind über dem ruhigen Meer und ein kleines Feuer knistert. Wir sitzen uns gegenüber an der Küste der Wiege unserer Zivilisation. Ich sehe allerdings nicht so aus, wie auf dem Bild, sondern trage einen Federumhang und habe einen Stab. Ich bin knappe zwei Meter groß, habe eine recht helle Haut und einen leicht länglichen Schädel. Lange dunkelbraune Rastalocken und dunkelblaue Augen. Den Rest überlasse ich deiner Einbildungskraft.

Ein Wächter

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