Home

Danksagungen

Das Kondorforum

Publikationen

Seminare

Links

Simurghs Schwingen

Über Mich

Literaturhinweise

Der Flug des Kondors

Schamanentum

Henochiana

Angelologie

Remote Viewing

Drachenkunde

Der Andenkondor

Der Feuervogel

Runenkunde

Lounge

Geschichte

Dee & Kelley

Dowghter

Schamanismus

Sprache

Die Tafeln

19 Schlüssel

Soyga

Loagaeth

Bannritus

Die Engel

Schrift

Heptarchie

30 Æthyre

 



Henochische Magie - Einbettung in die klassische Zeremonialmagie

    Über die antiken, vorchristlichen und prähistorischen Formen der abendländischen Magie ist nicht viel überliefert, das uns einen Einblick erlaubte, wie die damalige eigentliche Praxis ausgesehen haben könnte. Die frühesten bis heute erhaltenen Quelltexte finden sich im mittleren Osten, in den sumerischen Keilschrifttafeln und in einigen Hieroglyphentexten in Mittelägpyptisch. Aus der persischen Praxis der damaligen Zeit hat sich der Begriff "Magier" überliefert, der letztlich einen Vertreter der untergegangenen Volksgruppe der Magi bezeichnet. Interessanterweise jedoch übernahmen die Parsen einiges an Wissen, das die Magi bewahrt haben. Spätere antike Formen der praktischen Magie sind uns heute zum Teil in Amuletten überliefert, aber auch in einigen Traktaten. In der Mythologie der Magie ist der hebräische König Salomon einer der großen Magier seiner Zeit gewesen und viele Texte, die uns heute erhalten sind, sollen angeblich aus seiner Feder stammen. Wir können wohl getrost davon ausgehen, daß dem nicht so ist. Diese Mythen aber geben uns einen Hinweis darauf, daß die heutigen Grimoirien des solomonischen Zweiges der zeremoniellen Magie sehr alte Wurzeln haben müssen.

    Analysiert man beispielsweise die Namen der 72 Dämonen der Goetia, findet man einige alte Gottheiten und Wesenheiten, so ist dort Astaroth als 29. Geist aufgezählt, dessen Name leicht auf Astarte rückführbar ist. Ähnliches gilt für Bel-ial. Unter magischem Wissen muß auch die damalige Astrologie und die Alchemie, sowie die Geomantie verstanden und begriffen werden. Da ich aber kein moderner Astrologe bin und es bereits sehr erleuchtende Werke der theoretischen und praktischen Alchemie und Geomantie gibt, beschränke ich mich hier auf die henochische Magie. Um diese jedoch wirklich zu begreifen ist es nötig, sie auch aus ihrem Kontext heraus zu betrachten, in dem sie eingebettet ist.

    Die ältesten Manuskripte der Engelsmagie können ungefähr zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert eingeordnet werden. Mir ist als bisher ältestes vollständig erhaltenes Manuskript das Liber Juratus bekannt, dessen Entstehungsgeschichte eng mit den Erlässen der Kirche zu tun hat: Papst Gregor beauftragte 1230, als die Kreuzzüge in Mode waren, die Dominikaner damit, die Ketzerei, die in den Augen der Kirche eine schwere Bedrohung darstellte, durch die Inquisition zu bekämpfen. Die Scheiterhaufen konnten nun schneller und unbürokratischer entfacht werden. Es begann eine finstere Zeit für Hexen, Magier und alle die, die anders dachten als es von der Kirche gestattet war. Magie und Alchemie wurden von den Lehranstalten verbannt, die nicht sanktionierten Formen der ausgeübten Magie verteufelt und gebrandmarkt. Die rigorose Verfolgung veranlaßte damals die wichtigsten Magier ihrer Zunft, sich in Neapel insgeheim zu treffen. Wie es im Liber Juratus vermerkt ist, kamen sie aus der gesamten abendländischen Welt herbei. Wieviele es wirklich waren, ist nicht gesichert. Es wird von 811 Magiern gesprochen, wobei die Zahl 811 den Gott IAO in der griechischen Gematria verschlüsselt (I = 1, A = 1, O = 800). Die Zahl ist nicht überall gleich. Es wird auch von 89 Magiern geschrieben, die zusammenkamen.

    Das Liber Juratus existierte mit Sicherheit bereits vor 1249, als William von Auvergne starb, der es in seinem "De Legibus" zweimal erwähnt hat. Auf der Versammlung wurden drei Kopien des Liber Juratus erstellt, welches die Anrufungen und die Anweisungen enthält, eine Vision Gottes zu erhalten und in sein Angesicht zu sehen. Die drei Kopien sollten vom Meister zum Schüler am besten am Sterbebett übergeben werden mit dem Schwur, es ebenso zu halten wenn die eigene Zeit gekommen ist. Ohne Nachfolger sollte das Buch versiegelt und vergraben werden, damit es nicht in falsche Hände gelangte. Da uns das Liber Juratus überliefert ist, können wir also auch davon ausgehen, daß diese Überlieferungsketten eine Weile funktioniert haben. Der nächste Magier, dessen Name von Bedeutung ist, war John Dee, der eine Kopie dieses Werkes besessen hatte: Sloane 313 in lateinischer Sprache. In der henochischen Magie spielt das Sigillum Dei Æmeth eine gewisse Rolle, das im Liber Juratus in einer einfacheren Form überliefert wird. Die Engel korrigierten und verbesserten das ursprüngliche Siegel zu der Form, wie es heute in der henochischen Magie bekannt ist. Was das Liber Sacer, wie es auch genannt wird, so einmalig in der mittelalterlichen Magie macht ist, daß es das einzige Werk ist, in dem praktische Anleitungen gegeben werden, das Antlitz Gottes mit eigenen Augen zu sehen. Durch dieses herausragende Element wurde das Liber Juratus zu den am schärfsten verfolgten Werken der zeremoniellen Magie. In der Anzahl der 92 Siegel der Genien der Æthyre findet sich eine unerwartete Parallele zum Liber Sacer, denn das Liber Sacer besitzt 92 Kapitel. Das Ritual zur Gottesschau benötigt 28 Tage, welches die Anzahl der Mondhäuser ist.

    Die henochischen Engel schienen - wohl durch Kelleys Persönlichkeit - durchaus die damaligen Werke der zeremoniellen Magie zu kennen. Neben dem Sigillum Dei Æmeth wurde Heinrich Cornelius Agrippas okkulte Philosophie öfter herangezogen, um Engelsnamen zu erhalten. Es ist heute sehr schwierig, die Qualität des Mediums Edward Kelley zu bestimmen und zu entscheiden, wieviel des Materials von Kelley sozusagen "gesehen" wurde um Dee zu beeindrucken und wieviel davon authentisch die Engel als Ursprung hat. Hier tritt wieder einmal das Problem des Mediums und des individuellen Filters zu Tage, welches bei jedem Medium in irgendeiner Form Thema ist. Die henochische Magie jedenfalls ist zu einem Teil auch in die klassische Engelsmagie eingebettet, entweder weil Kelley dies durch seine Recherchen und Materialien, die er dabei erhielt, möglich machte oder auch, weil Teile des überlieferten Materials schon von Engeln diktiert oder offenbart wurden. John Dee integrierte auf jeden Fall Elemente der klassischen Engelsmagie in dieses System.

    Es ist leider nichts darüber überliefert, woher der Autor beispielsweise des Liber Juratus die frühe Form des Sigillum Dei Æmeth kannte und daher niederlegen konnte. Viel henochisches Material wurde in Krakau diktiert. Geoffrey James vermutet (Seiten 94ff.), daß Kelley dort Zugang zu gnostischen Texten hatte, denn es gibt einige Übereinstimmungen mit gnostischen Gedanken. So heißt der gnostische Demiurg Ialdabaoth, während der henochische Engel der Rechtschaffenheit Iad Baltoh genannt wird. Weitere Parallelen finden sich in der Pistis Sophia und dem Buch des großen Logos. Interessanterweise fand ich in den Nag Hammadi Rollen eine weibliche Gottheit, die einen Text spricht, der in einigen Passagen der Rede der Dowghter of Fortitude sehr stark ähnelt. "Die Brontę - Vollkommener Verstand" wurde jedoch erst durch den Fund der Rollen 1945 überhaupt bekannt. Persönlich favorisiere ich die Annahme, daß Kelley wirklich mit diesen Wesen Kontakt aufgenommen hatte und halte es für äußerst unwahrscheinlich, daß in Krakau dieses Material vorhanden war oder noch ist.

    Die Praxis des Umgangs mit nicht körperlichen Wesenheiten wie Engel und Dämonen war, soweit sie zurückzuverfolgen ist, immer eine Angelegenheit der höchsten Adels- und Gelehrtenkreise. Allerdings gibt es da eine erwähnenswerte Synchronizität: viele der Magier, die sich mit den Engelsanrufungen befassten, hatten irgendeine Verbindung mit Worcester in Worcestershire. Auf diesen seltsamen Zufall gehen Skinner & Rankine in ihrer Darstellung der Überlieferungslinie ein. John Dee selbst verbarg seine Tagebücher und Ergebnisse im doppelten Boden einer Truhe, die nach seinem Tode 1608 von John Woodall, einem "paracelsischen Chirurgen" der in verschiedenen Hospitälern Arbeit fand und der mit Elias Ashmole befreundet war, erworben wurde. Er und die nächsten drei Besitzer ahnten nichts von dem Inhalt, der sich im Geheimfach dieser Truhe befand. Nach seinem Tode erbte sein Sohn, Thomas Woodall, die Truhe. Der Sohn verkaufte die Truhe neben anderen Haushaltsgegenständen an einen "Joyner" - einem Tischler - in der Adle-Street, wo sie (zufällig) im Todesjahr von Thomas Woodall von Robert Jones erworben wurde, der Haushaltsartikel benötigte. Zwei Jahrzehnte nach dem Kauf entdeckten Jones und seine Ehefrau das Geheimfach, konnten jedoch nicht viel mit den darin enthaltenen Büchern anfangen und etwa die Hälfte der Werke aus Dees Feder wurden zum Feuermachen oder anderen wenig konstruktiven Tätigkeiten im Haushalt verwendet. Erst nach einiger Zeit entschloß sich die Familie, die Werke besser zu schonen. 1665 starb Robert Jones und ein Jahr später fiel die Truhe dem großen Feuer in London zum Opfer, die Bücher allerdings wurden gerettet. Ein paar Jahre danach heiratete die Witwe Thomas Wale, der auf die Werke aufmerksam wurde und sie Elias Ashmole weiterverkaufte. Ashmole kopierte sofort in mühevoller Arbeit die wertvollen Manuskripte. Auf diese Weise wurden der Nachwelt John Dees Libri Mysteriorum I - V, The 48 Claves Angelicae, Liber Scientiae, Auxilii & Victoriae Terrestris, De Heptarchia Mystica und "A Book of Invocationes or Calls" überliefert. Eine weitere Überlieferung des letzten erwähnten Manuskriptes ist stark erweitert und in hervorragender Handschrift von Thomas Rudd verfaßt worden, der es wohl zwischen 1605 und 1608 bei John Dee kopierte und später erweiterte. Die Bibliothek Dees wurde nach Dees Tod 1608 von Sir Robert Bruce Cotton antiquarisch erworben. Darunter befand sich auch Dees magisches Werkzeug, das heute im British Museum ausgestellt ist. Meric Casaubon jedenfalls nutzte diese Quelle für die Publikation eines Teils von Dees Tagebüchern in seinem Werk "A True and Faithfull Relationship of what passed for many Years Between Dr. John Dee and Some Spirits", das er 1659 in London publizierte.

    Die Anrufungsformeln, die in Sloane 3821 durch Thomas Rudd niedergelegt wurden, kamen später in den Besitz von Baron Somers von Evesham, der sie dem angeheirateten Mann seiner zweiten Tochter, Sir Joseph Jekyll, übergab. Hans Sloane erwarb neben einer Menge anderer magischer Manuskripte dieses Manuskript und bei seinem Tode 1753 endete die uns heute bekannte Überlieferungskette der Manuskripte, da sie der British Library übergeben wurden. Sloane erwarb jedoch nicht alle Manuskripte der henochischen Magie, da im 19. Jahrhundert Frederick Hockley (1808 - 1885) Rudds achtzehn henochische Schlüssel besessen hat, mit denen er sehr viel arbeitete. Seine Ergebnisse und Protokolle umfassen dreißig Bände an Material. Hockley übergab die Engelsmagie Dees Kenneth Mackenzie, der ein Mitglied der Freimaurerei und des SRIA war. Meckenzie war mit William Alexander Ayton, eines der frühen Mitglieder des Golden Dawns, befreundet. Irgendwann entdeckten diese Magier das Manuskript Sloane 307 und kopierten einen kleinen Teil daraus, der dann später das "Buch H" wurde, mit dem viele Mitglieder des Golden Dawns arbeiteten. Mit keinem Wort wird die "Heptarchia Mystica" im Golden Dawn Material erwähnt, was dazu führte, daß heute unter dem Begriff der henochischen Magie nur ein kleiner Teil davon verstanden wird: der Teil, der durch den Golden Dawn überliefert wurde und aus der großen Tafel und den henochischen Schlüsseln besteht.

    Im zwanzigsten Jahrhundert war Aleister Crowley einer der ersten Magier überhaupt, der die 30 Æthyre praktisch bearbeitete und der seine Ergebnisse in dem bekannten Werk "Vision & Voice" der Öffentlichkeit zugänglich machte. Heute ist ein Teil des henochischen Materials ein Bestandteil der thelemitischen Tradition. Dieser Tradition nahe ist auch Gerald Schueler, der sehr kreativ mit dem henochischen Material umgeht und viele Inventionen mit eingebracht hat. Darunter das henochische Tarot, henochisches Yoga und ein eigenes Einweihungssystem in die dreißig Æthyre. Seine Erkenntnisse fliessen in meine eigene Arbeit über die Æthyre ebenso mit ein, wie die Materialien von Skinner und Rankine sowie Tysons Gesamtdarstellung des henochischen Systems. Petersons Editionen der Libri Mysteriorum I - V und des Liber Loagaeth waren neben den Originalmanuskripten John Dees ebenso von großer Bedeutung bei der Grundlagenarbeit. Ich selbst kam in den 80er Jahren zuerst in Berührung mit der henochischen Magie. Im Laufe der Zeit erschloß ich mir immer mehr von dem Hintergrund und Mitte der 90er Jahre begann ich dann, praktisch mit dem System zu arbeiten. Von 1996 bis 2010 arbeitete ich mit den Æthyren, um sie für mich zu erschließen - daraus entsteht im Augenblick ein sehr umfangreiches Werk.

Copyright, Impressum und Kontakt